Radreise durch Afrika: zwischen Giraffen, Nilpferden und Zebras

By | 14. Januar 2015

In Afrika sind bestimmt die wenigsten und auch nur die erfahrendsten Reiseradler unterwegs. Auf keinem anderen Kontinten sind kulturelle und soziale Unterschiede größer, weswegen die Radreise durch Afrika eine besondere Herausforderung ist und daher Radreiseberichte umso interessanter sind. Das wird der folgende von Anselm beweisen.

Anselm war schon überall. Seine Videos über die Reisen durch Europa und Kanada entfachen das Fernweh eines jeden Radlers auf dem Sofa. Später fuhr er einen Teil mit Felix Starck von „pedal the world“ durch Asien, worüber ich schon geschrieben habe. Anschließend war er mit den beiden Jungs von Tapinambur unterwegs. Daher war es jetzt nu logisch, Anselm nun in Afrika zu finden. Es ist quasi das nächste Level, das er nun bestreitet bzw. erradelt.

Neben seinen tollen Videos macht der Hamburger fantastische Fotos. Er hat leider keine eigene Website, sodass wir uns bislang damit zufrieden geben mussten. Reiseberichte schreibt er nämlich nur per Mail an Familie und Freunde. Ich fühle mich daher geehrt, dass ich seine Eindrücke und Erlebnisse in Afrika hier als Gastbeitrag veröffentlichen darf. Bühne frei für Anselms tollen Reisebericht:

Radreise Afrika 1

Wenn man in Europa eine Landesgrenze überquert ändert sich oft nicht besonders viel. Bisweilen bemerkt man den Übergang nicht einmal. Diese Erfahrung ist in Afrika meist eine ganz andere. Es fängt damit an, dass man sich lange und freundlich mit einem Grenzpreamten unterhält, der sich offensichtlich überrascht für das Reisen auf dem Fahrrad und die resultierenden Erfahrungen interessiert. Und auch dann erst den Ausreiestempel gibt, wenn er alles spannende erfährt.

Die Grenzüberquerung von Malawi, in dem ich knapp einem Monate gereist bin, nach Tansania war besonders. Um zum Lake Tanganyika, dem längsten See der Welt auf Tansanischer Seite zu gelangen, wollte ich gerne eine Abkürzung wagen. Diese führt hoch in die Berge, dort habe ich auf Google Earth einen kleinen roten Pfad im Satellitenbild ausmachen können. Auf beiden Seiten einer Brücke zudem zwei kleine Hütten. Keine Informationensquelle bestätigte mir eine offene Grenze für Touristen. Wer wagt gewinnt. Nach mühseligen Ausstieg auf 1900 Meter kam ich an einer der beiden Hütten vorbei und nach besagtem Gespräch ging es über eine witzige Brücke, im Dauerregen nach Tansania. Es wurde hier angeblich Jahre lang kein Wuzzuzu (weißer Mann ) mehr gesehen.

Von Malawi nach Tansania: Alles ist nun anders

Was ändert sich also: Plötzlich kann man die geliebten Avocados à 15 Cent (200 Tansania-Schilling) kaufen, aber keiner versteht einen mehr. Die gerade erst erlernten Sätze in Chichewa sind plötzlich nutzlos. Frauen tragen noch bunter Kleider, die ersten Massai kreuzen mit ihren Herden den Weg. Es ist viel grün, da in Tansania gerade Regenzeit vorüber ist, blüht das Land. Menschen grüßen einen mit neuen Worten: Mambo, (Wie geht’s dir) Karibo (Willkommen), Asante (Danke).

Aber auch der schöne Asphalt ist größtenteils verschwunden, das Land weniger besiedelt und Wasserpumpen fehlen gar komplett. Sprich: In Afrika ist eine Grenze auch gleich eine ordentliche Umstellung, auch im Wechselkurs von Malawi Kwatcha(600 zu 1 €) zu Schilling (2000).

Über mehrere Tage ging es gen Norden, sattes Grün säumt den typisch rostig roten Sandpfad. Blauer Himmel und wie gewohnt überall liebe Kinder. Glückliche Kinder! Ab und zu ein Schauer, morgens Nebel über den Gipfel der sanft runden Hügel im Hochgland. Wildcampen mit Avocado-Tomaten-Kokosnuss-Gerichten und dazu salziges Popkorn.

Andere auf der Radreise durch Afrika

Ich treffe Peter aus England, selber schon oft unterwegs und seit 2 Jahren Lehrer in Tansania, er sprich perfekt Swaheli was für die Verständigung sehr praktisch ist.

Zusammen fahren wir durch das einsame Hochland West Tansanias. Die älteste Fähre der Welt, die MV Liemba, ehemals deutsches Kriegsschiff, ist dieser Tage zu alt um uns ein Stück entlang des Sees zu nehmen, in Reparatur. Wir ändern unsere Pläne und nehmen uns vor die gesamte Länge (über 900 km) des Tanganyika, der Kongo und Tansania trennt zu radln. Auf halber Strecke liegt der Kavati Nationalpark.

Es ist Silvester. Kaum einer hat das hier besonders auf dem Zettel, keine Knaller, kein Sekt, auch kein Bleigießen. Die Nacht in den Bergen ist wie jede andere. Wir verschlafen Mitternacht. Und dennoch sind wir am nächsten Morgen nervös. Türkisch-Kaffee – und auf die Räder.

Am Neujahrstag haben wir großes vor, und ich bin mir sicher, es ist einer der aufregendeste Tage die ich je erlebt habe. Der große Katavi Nationalpark, gegründet von Deutschen im Jahre 1918, liegt so verlassen und einsam, dass er jährlich nur um die 200 Besucher anlockt. Verglichen dazu zählt die Serangetiebene Millionen Schaulustige. Die Anfahrt ist mühsam, besonders für uns. Es dauert ewig bis wir zum Parkeingang kommen. Der Weg ist so „bumpy“ das sich drei meiner Speichen zum Brechen biegen und das Trettlager seine Funktionalität aufgibt. Wir fahren dennoch in den Park.

Radreise Afrika 2

Es ist kein Mensch hier. Kein Gate, kein Schild, ungewöhnlich für einen Nationalpark. Einzig die Spuren von Büffel und Elefanten am Weg und unzählige bunte Schmetterling begrüßen uns. Es ist ein einsamer Pfad der uns durch dichtes feuchtes Grün führt. Man sieht Anfangs nur tropischen Wald und lange Gräser zu beiden Seiten. Wir radeln tiefer in den Park, schauen ständig ob sich etwas bewegt oder lauschen in die Ferne. Nach  20 km treffen wir auf eine Abzweigung zu einem leicht gefüllten Flussbett.

Urplötzlich ändert sich die Situation

Keine 100 Meter vor uns stehen sechs riesige Giraffen um Molibäume herum die mindestens so verdutzt sind wie wir. Umzingelt von kleinen Affen und Gazellen. Ein wunderschönes Bild. Wir sind beeindruckt, ich mache ein zwei Fotos und fahre auf die Tiere zu. Für einen Moment bleiben sie stehen, dann laufen Giraffen und Gazellen auf eine weite Fläche, zum Fluss, hier ein Film dazu: https://vimeo.com/115854847 (Affen sieht man wohl nicht da sie mitteile im Baum hocken).

Ein faszinierendes Bild, wenn Giraffen rennen, erscheinen sie doch viel zu lang. Wir sind voller Drang, mehr davon zu entdecken. Wir wissen zwar, dass man hier schon längst kein Rad mehr fahren sollte, aber es ist keiner da und Verbotschilder sind wohl schon längst überwuchert.

Die gefährlisten Tiere Afrikas

Zwei Minuten später sehen wir zwei dicke Nilpferde. Von Erzählungen wissen wir, dass es die gefährlichsten Tiere Afrikas sind und nehmen weit Abstand. Krokodil lugen aus dem braunen Flusswasser.

Hinter der nächsten Biegung steht plötzlich ein Büffel, alleine. Peter fällt fast von Fahrrad, weil wir ihn viel zu spät bemerkten. Der Büffel hält seine Schnauze in die Luft, wir schauen uns an und wissen nicht was das Klügste ist. Der Büffel löst die Situation auf und läuft erst parallel zu uns und dreht dann ab. Ein wuchtiges Tier!

Direkt neben uns entdecken wir zwei große Aasgeier, mit kräftigen Flügelschlägen heben sie ab und Umkreis ihre Beute, ein Haufen Knochen, wohl der einer Giraffen. 200 Löwen und 700 Hyänen jagen hier, wie wir später erfahren. Zudem beherbergt der Park über 5000 Elefanten, die sich zu dieser Zeit zu den größten Herden von ganz Afrika (bis zu 500) zum Grasen versammeln.

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl was ich so noch nie erlebt habe, mit einem plötzlich so kleinen Fahrrad durch den Park zu kurven. Der Anblick vom Grün und das Wildnisgefühl allein ist die Anreise Wert.

Radreise Afrika 3

Wir passieren weiter Giraffen- und Zebraherden, sehen über 100 Nilpferde, die sich im Fluss vor der Mittagshitze schützen. Dann stehen wir direkt neben ihnen und schauen diesen so beeindruckenden Tieren in ihre kleine Augen.

Wir entdecken einen kleinen Weg, der zu einem See, dem Chata Lake führen soll und hoffen dort Elefanten zu Sichten. Aber es kommt anders:er Pfad ist anfangs überschwemmt, also schieben wird durch den Sumpf, dann rennt wie aus dem Nichts eine große Herde Gazellen über den Weg. Das letzte Tier, etwas verspätet, springt direkt vor Peter geschätzte 7 Meter über den Trampelpfad. Durch Zufall habe ich es auf Video.

Wenig später springen ein paar weiter, größere Böcke über den Weg, ihr Name ist uns noch unbekannt.
Und dann steht da plötzlich ein einzelnen großes Nilpferd, links von uns und nicht wie bisher rechts im Fluss! Wir warten, es ist nicht besonders nah dran aber 80 Meter reichen wohl aus um uns auf den schweren Rädern einzuholen. Wir wissen wenig über diese Tiere und deren Verhalten, und was dann passiert, hätten wir uns nicht ausgemalt.

Wenn ein Nilpferd die Radreise kreuzt

Laufende Nilpferde sehen merkwürdig aus. Dieses Exemplar rennt erst leicht auf und zu und dreht dann zum Fluss ab.  Während des 200-Meter-Sprints zum Fluss, inklusive zwei kurzer Kontrollpannen, reißt es oft das Maul auf. (Hier das Video dazu: https://vimeo.com/115854793). Ich hatten komischerweise keine Angst, aber der Anblick dieser Zähne ist schon sagenhaft.

Wir nehmen einen Umweg, sehen weitere Büffel und unzählige Giraffen. Den See erreichen wir nie, was daran liegt, dass er seit vier Jahren trocken liegt (Bauern nutzen die Zuflüsse). Auf der weiten Ebene des ehemaligen Sees grasen am Nachmittag unzählige Zebras, Impallas, Kudus und eine Herde von 16 Giraffen. Wir schauen uns alles in Ruhe an, sehen alle Tiere, wie sie in die weite Ebene flüchten. Peter und ich machen uns dann auf den Weg nach Norden um den Park wieder zu verlassen um rechtzeitig zu einem sicheren Schlafplatz zu kommen. Wir haben mit dem ungewohnten Anblick von Fahrräder genug Unruhe gestiftet.

Radreise Afrika 4

Die Aufgabe, den Katavi zu verlassen, erweist sich als eine große Herausforderung. Der Pfad wird immer grausamer und plötzlich kommen Tsetsefliegen ins Spiel. Diese Dinger sind tatsächlich der Horror. Ohne zögern stechen sie einfach zu. Überall. Egal wie schnell man fährt.

Ein Gewitter mit mäßigen Regen bricht ein und mein Lager fühlt sich an wie eine umrunde Getreidemühle. Speiche 4 sagt „Auf Wiedersehen“ und ob Löwen oder Elefanten zu sehen sind, interessiert uns schon lange nicht mehr. Aus der Ruhe von vorhin entsteht Stress, und nun sind wir es, die flüchten. Kurz vorm Ausgang sehen wir, dass auch Giraffen über drei Meter weit springen können (über die Sandpiste), was ulkig ausschaut, wie eigentlich alles an den Tieren. Auch diese Ereignis  gibt es bald auf Video zu sehen.

Die ganze Fahrt aus dem Park stellt sich als länger heraus als gedacht. Peter hat Schmerzen am Gesäß und muss den Rest im stehen fahren. Die Piste ist matschig, es geht bergauf.

Nachts kommen wir in ein Dorf. Acht Stunden saßen wir in den Sätteln der Rädern, 15 Stunden waren wir unterwegs und haben 110 km auf diesen grausamen und dennoch wunderschönen Wegen. Die Handgelenke schmerzen. Genau deswegen und wegen all der wahnsinnigen Begegnungen wollte ich gerne von diesem Tag erzählen. Löwen und Elefanten haben sich an diesem Tag gut versteckt. Gut so, denken wir uns nun.

Unter anderem ist auch der einsame „wilde Westen“ der Grund warum ich diese Route gewählt habe, Tansania zu durchqueren und nicht die Strecke über den viel befahrenen Osten (Sansibar, Dar es salam, Serangeti, Kilimandscharo usw.) gewählt habe. Wir haben die Hauptverkehrsachse Afrikas an einem Tag zur Grenze von Zambia in Tundumu erlebt.

Radreise Afrika 5

Nirgendwo verkehren so viele total überlastete und alte Lkw wie hier in Afrika. Um die küstelosen Länder Simbabwe, Botswana und Zambia von ihren Gütern zu befreien, die schlussendlich an der Küste Tansanias verfrachtet werden, ballern hier fünf Lkws in der Minute auf einer Spur (ungefähr 25 cm tiefe Spurrinnen) ohne Seitenstreifen nach Osten. Radfahrer wissen, warum man da nicht entlang mag. Diese Strecke gilt als die gefährlichste hier. Eng und dreckig, und keiner hält sich an die Regeln. Dann lieber Ruhe und keine touristischen “ Hauptattraktionen“.

Heute sind die Beine müde, Peter ist beim Arzt gewesen und muss wegen unschöner Dinge am Po, auf die nicht weiter eingegangen werden muss, Antibiotika und so Zeug schlucken. Also haben wir nach zehn Tagen Radeln am Stück mal Pause.

Die Menschen in Afrika: Einfach, freundlich und glücklich

Noch was Schönes über die Menschen hier: Ich kann nur über die Menschen hier im Westen erzählen aber es gefällt mir ausgesprochen gut. Jeder grüßt jeden, viele sind mit alten Rädern unterwegs und was auffällt, Menschen beschweren sich hier nicht. Es scheint einfach nicht Teil ihrer Kultur. Es wir nicht um Preise gefälscht und nicht gemotzt.

So war der Koch am Straßenstand eben ganz verdutzt als wir sein aus 80 Prozent bestehendes Ziegenfleisch nicht für den vollen Preis von 4000 Schilling bezahlen wollte. Er hat anfangs gelacht, dann aber realisiert, dass wir Wuzzuzus es ernst meinen und es ohne Widerrede hingenommen. Auch drängeln die Menschen hier nicht mehr vor oder versuchen dir Dinge auf dem Mark anzudrehen. Es ist ruhig und angenehm, anders als in Sambia beispielsweise.

Morgen fahren wir weiter nach Kigoma, um endlich den zweiten der drei großen See Afrikas zu sehen. Aber zur schönen Küste Tanganyika sind es noch mühselige 300 km. Danach folgt Burundi. Ein Land was wohl den wenigstens etwas sagt.

Danke Anselm! Ich hoffe, wir können noch mehr von dir lesen!

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