Radreise-Typen: Das stabilste aller Fahrräder

By | 4. Dezember 2014

Der Radreise-Panzer trotzt jeder Weltreise: Schwer, stabil und zuverlässig muss ein Fahrrad sein, mit dem du von Europa gen Asien fährst. In entlegenen Gegenden sind Pannen mehr als ärgerlich. Dementsprechend müssen alle Komponenten möglichst wartungsarm und verschleißresistent sein. Welche Komponenten sind hier zu finden? Auch in Dritte-Welt-Ländern gibt es zwar Asphalt, doch beim unebenen Erdboden darf das schwer beladene Rad nicht gleich das Fortkommen unmöglich machen.

packed bike

Ein stabiles Rad für eine Weltreise trägt gut und gerne 40 kg an Gepäck.  Bild: Milestone Rides/flickr/cc-by-nd

Im Alltags-Radverkehr findest du solche Räder kaum. Wohl weil die teuren Teile zu Schade für die Stadt sind oder auch eher unspektakulär aussehen. Während du auf Anhieb ein Mountainbike oder Rennrad erkennst, wirkt ein Reiserad meist wie ein schnödes, simples Trekkingbike. Aber auf die Optik kommt es hier meist auch nicht an – höchstens die Rahmenfarbe wird nach eigenem Gusto gewählt.

Wichtig ist einzig und allein die Stabilität. Doch wie ein solches stabiles Reiserad auszusehen hat, das ist bei jeder Komponente eine Wissenschaft an sich. Stahlrahmen oder Aluminiumrahmen? Reifen mit 26 Zoll oder 28 Zoll? Nabenschaltung oder Kettenschaltung? Neben technischen Fakten werden dir auch äußerst subjektive bis esoterische Diskussionen begegnen, wenn du versuchst, im Internet die Antwort auf diese Fragen zu finden. Ich möchte einen kurzen Überblick über das Pro und Contra bei den Komponenten geben.

Alu oder Stahl? – und warum stellt sich die Frage überhaupt

CroMo, schlicht besser bekannt als Stahl, ist das klassische Rahmenmaterial eines Fahrrads. Es ist härter als Aluminium, woraus heutzutage die meisten Fahrradrahmen sind, einfach weil es ein günstigeres und leichteres Material ist. Dennoch darfst du dich nun nicht zum Schluss verleiten lassen, dass allein das Material zählt. Alurahmen sind nicht unbedingt weniger Stabil als solche aus Stahl, denn die Alurohre gleichen das Manko mit einem größeren Querschnitt aus.Auch wenn Aluminium nun das meistverwendete Rahmenmaterial ist, haben noch immer viele Reiseradmodelle einen Stahlrahmen. Nicht etwa, weil diese stabiler sind, sondern auch deswegen, weil viele Reiseradler Stahl als das Nonplusultra halten. Es gibt aber genauso gut hochwertige Reiseräder aus Aluminium.

Eines Totschlagargument für Stahl ist die einfachere Reparatur. Ein Rahmenbruch ist fatal, aber auch im tiefsten Turkmenistan kann eine Autowerkstadt mit einem Schweißgerät hier Erste Hilfe leisten. Aluminium zu schweißen ist da schon schwieriger.

Was dich aber am Rahmen mehr interessieren sollte als das Material, ist die Geometrie. Denn die muss zum Fahrer passen. Sitzt du gut auf dem Rad und passt die Rahmengröße, sollte das Rahmenmetall nebensächlich sein. Lust auf mehr Material

Der Vollständigkeit halber seien hier noch andere Rahmenmateriale erwähnt: Titan und Carbon. Grob gesagt (Disclaimer: sehr grob gesagt!) vereint Titan die Stabilität des Stahls mit der Leichtigkeit des Aluminiums, was sich im astronomischen Preis widerspiegelt. Carbon ist federleicht, deswegen für MTBs und Rennräder eher interessant und auch deswegen teuer. Es ist nicht unbedingt minder stabil als die Metalle. Ein Riss im Kunststoff ist aber der Tod für den Rahmen – mit Schweißen ist da nix!

 

Bereifung: 26 Zoll versus 28 Zoll

Einfache, kurze Antwort: 26 Zoll ist stabiler weil kompakter. Auch wenn in der Stadt viel mehr 28-Zoll-Räder rumfahren dürften und selbst in der letzten Bastion der 26 Zoll, den Mountainbikern, der Trend zu größeren Laufrädern geht, machen die 26 Zoll am Reiserad-Reifen noch immer Sinn. Denn es lassen sich dickere Reifen aufziehen, welche den Fahrkomfort der meist ungefederten Reiseräder erhöht. Dünne Reifen sind zwar leicht und unterscheiden sich durchaus im Fahrgefühl, müssen aber mit höherem Luftdruck gefahren werden, wodurch kaum eine Unebenheit auf der Straße geschluckt wird und als Erschütterung an den Lenker direkt übertragen wird.

Neben technischen Unterschieden gibt es für den Reiseradler wieder ein Verfügbarkeits-Argument: In vielen Dritte-Welt-Ländern sind nahezu ausschließlich 26 Zoll an den Rädern zu finden, was für die Ersatzteilsuche relevant ist. Wer ohnehin nur in Europa unterwegs ist, dem dürfte das egal sein. Was die Laufradgröße zwischen 26 und 28 Zoll sowie die Reifenbreite angeht, so lässt sich das Thema auf einer Skala zwischen stabil und komfortabel bei dicken 26 Zoll und leicht und schnell bei 28 Zoll herunterbrechen.

Patria Terra Reiserad

Das Patria Terra: Ein typisches und bewährtes Reiserad. Quelle: Patria

Nabenschaltung oder Kettenschaltung am Reiserad?

Stabil, komfortabel und teuer bzw. leicht schnell und günstig – damit könnte man auch die beiden gängigen Schaltungsarten, Nabenschaltung und Kettenschaltung, beschreiben. Und auch hier wieder die einfache, kurze Antwort: eine Rohloff-Nabenschaltung ist unverwüstlich und bietet in etwa das Übersetzungsspektrum einer Kettenschaltung. Für eine Weltumrundung daher fast schon Pflicht, da sie eigentlich nur Vorteile bietet – aber deswegen ist sie auch so sauteuer. Denn die Nabe allein kostet schon so viel wie ein gutes Reiserad mit Kettenschaltung, also um die 1.000 Euro. Das Nonplusultra-Schaltwerk, ein Shimano XT, gibt es in etwa schon ab 50 Euro. Preislich liegt der gesamte Kettenantrieb ungefähr bei einem Drittel des Rohloff-Antrieb.

Lohnt sich also eine Rohloff-Nabe gegenüber einer Kettenschaltung?

Ich meine: Nein. Eine Kettenschaltung zweifellos wartungsintensiver. Kette und Schaltwerk sind stets sauber zu halten, damit die Schaltung einwandfrei funktioniert. Bei der Rohloff-Nabe steht vielleicht nach einer Weltreise oder alle paar Jahre ein Ölwechsel an, der idealerweise vom Fachmann durchgeführt wird. Dennoch dürfte für die meisten Radler das Preis-Leistungs-Verhältnis eine Rolle spielen – und da gewinnt die Kettenschaltung. Auch für ein beanspruchtes Reiserad ist sie stabil und zuverlässig genug.

Zwischen Kettenschaltung und einer Rohloff-Nabe gibt es übrigends nichts. Natürlich gibt es noch andere Nabenschaltungen, wie etwa die Nexus oder Alfine von Shimano. Sie sind ähnlich wartungsarm und dankbar wie eine Rohloff, aber weitaus günstiger. Deren geringe Übersetzung macht sie jedoch höchstens für Flachlandradler interessant und scheidet daher für ernsthafte Reiseräder aus.

Stabile Komponenten: Gepäckträger, Lenkergriffe und anderer Kleinkram

Rahmen, Antrieb und Laufräder machen den Großteil der Stabilität eines Fahrrads aus. Trotzdem sollten Kleinigkeiten nicht vernachlässigt werden. So kann etwa auch ein gebrochener Gepäckträger die Radreise unterbrechen. Auch an anderen Komponenten sollte daher nicht gespart werden.

Was den Gepäckträger angeht, so sollte es einer aus Stahl (CroMo) sein. Die der Marke Tubus sind nahezu außer Konkurrenz und umfassen das Spektrum von leicht und filigran bis schwer und stabil. Während die meisten Billig-Gepäckträger eine Maximallast von 20 kg tragen, sind die meisten von Tubus bis 40 kg konzipiert. Die lebenslange Garantie ist ein weiteres Totschlagargument für den Marktführer.

Ok, Lenkergriffe ist für die Stabilität des Rads eher egal und passen eher in die Kategorie Ergonomie. Aber auch hier ist der Verschleiß an die Qualität geknüpft. Daher wähle lieber gleich gute Griffe, denn sie bilden einen Berührungspunkt mit dem Körper und kaputte Griffe auf Tour (ja, so etwas gibt es) sind für die Handgelenke eine schmerzliche Sache. Daher nicht an den falschen Ecken sparen: Gute Griffe gibt’s von Ergon oder SQlab.

Reiserad-Modelle: Nahezu jede Marke hat ein Modell für lange Radreisen

Ein stabiles Fahrrad aus Stahl mit 26 Zoll Bereifung ist wohl die beliebteste Reiserad-Variante. Wie beim Mountainbike geht aber der Trend auch hier zu größeren, klassischen Rädern mit 28 Zoll. Da das Rad so individuell sein muss wie der Fahrer, bieten größere Manufakturen auch online einen Konfigurator an, mit dem du dir dien Traumrad mit allen Komponenten individuell zusammenstellen kannst. Einige Spielwiesen sind etwa bei Patria, bei Rose oder Velotraum zu finden.

Wer komplette Reiseräder bewundern möchte, dem empfehle ich Martins Top 10 der Reiseräder: Teil 1 und Teil 2.

Radreise-Typen – die Artikelserie

Nach und nach möchte ich alle Radreise-Typen von Fahrrädern vorstellen. Die stabilste Version des hier beschriebenen „Radreise-Panzers“ ist sicherlich die beliebteste, aber natürlich nicht die einzige: Im ersten Artikel der Serie habe ich bereits beschrieben, dass eine Radreise auch mit einem Alltags-Fahrrad zu meistern ist.

Was meinst du?

Fährst du lieber 26 Zoll oder 28 Zoll? Nabenschaltung oder Kettenschaltung? Deine Meinung in einem Kommentar würde mich freuen!

7 thoughts on “Radreise-Typen: Das stabilste aller Fahrräder

  1. Toni

    Hallihallo ich möchte gern mit dem Rad um die Welt und bin gerade dabei mein Rad dafür fit zu machen…allerdings bin ich jetzt doch etwas verunsichert. Ich habe ein Cube Editor City bike, welches sich bereits mit einem Gepäckträger fürs Reisen bewährt hat. Jedoch weiß ich nicht ob sich zwei weitere Lowrider-taschen bewähren würden von der Konstitution des Rades. Was kann ich tun, bzw. wie bekomme ich dies schnellstmöglich heraus?

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    1. peter

      Nur 2 Taschen dürften zuwenig sein. D.h. du wirst nicht um einen Lowrider rumkommen. BTW: Habe gewisse Zweifel ob du mit deinem City bike auf grosser Tour glücklich wirst. Schon mal gröbere Strecken damit unter die Räder genommen?

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  2. Holger

    Kommen Rahmenbrüche häufig vor oder warum wird so ein Wirbel um Stahl- / Alu-Rahmen gemacht?

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    1. Manu Post author

      Nein, die kommen natürlich nicht oft vor. Aber wenn sie vorkommen, und dann auch jenseits der Zivilisation, ists umso fataler. Stahl lässt sich halt einfacher schweißen, was ein Argument für Weltreise-Räder ist.

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